Geschichte
Entwicklung von EFT und der Energetischen Psychotherapie
Im Folgenden möchte ich Ihnen einen kurzen Überblick über die Entwicklung von EFT und anderen Methoden der Energetischen Psychologie (Energy Psychology, EP) geben.
EFT – Emotional Freedom Techniques – ist heute weltweit eine der am häufigsten angewendeten Methoden innerhalb der energetischen Psychologie. Dieser Ansatz verbindet Elemente moderner Psychotherapie mit Erkenntnissen aus traditionellen energetischen Heilmethoden.
In EFT fließen auch wichtige Grundhaltungen und Elemente konventioneller psychotherapeutischer Ansätze ein, etwa aus der Hypnotherapie und der Humanistischen Psychologie – wie Selbstakzeptanz, Selbstwertschätzung sowie Imaginations- und Visualisierungstechniken. Auch Methoden aus Kurzzeittherapien wie NLP oder EMDR haben die Entwicklung beeinflusst.
EFT ist eine leicht erlernbare, zugleich wirksame und sanfte Methode der meridianbasierten Klopfakupressur. Sie wurde in den USA von Gary Craig, Stanford-Ingenieur, Persönlichkeitscoach und NLP-Practitioner, entwickelt. Grundlage seiner Arbeit war die Thought Field Therapy (TFT) des amerikanischen Psychologen Dr. Roger Callahan, bei dem Craig ausgebildet wurde.
Die Thought Field Therapy wiederum geht auf frühere Ansätze wie die Applied Kinesiology von Dr. George Goodheart und die Behavioral Kinesiology von Dr. John Diamond zurück.
In der Thought Field Therapy werden bestimmte Akupunkturpunkte in individuell getesteten Reihenfolgen beklopft. Roger Callahan entdeckte dabei, dass sich die Wirkung dieser Methode verstärken kann, wenn Gedanken bewusst ausgerichtet werden – etwa durch Affirmationen.
Das besondere Verdienst von Gary Craig bestand darin, dieses komplexe System deutlich zu vereinfachen. Er entwickelte eine klar strukturierte Grundsequenz, die ohne aufwendige Diagnoseschritte angewendet werden kann – und damit für viele Menschen zugänglich (und bezahlbar) wurde, ohne an Wirksamkeit einzubüßen.
Heute gehört EFT zu den weltweit am weitesten verbreiteten Methoden der sogenannten „Klopftherapien“. Sie wird sowohl professionell eingesetzt: von Coaches, Beraterinnen und Beratern, Pädagoginnen und Pädagogen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern sowie von Ärztinnen, Ärzten und Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten - als auch zur Selbsthilfe und zum emotionalen Selbstmanagement genutzt.
Im Frühjahr 2012 wurde EFT als „Evidenzbasierte Methode“ von der APA (American Psychological Association), dem weltweit größten Psychologenverband, als wissenschaftlich fundierte Therapiemethode anerkannt.
Ein wichtiger Gedanke des Ansatzes ist seine Offenheit und leichte Zugänglichkeit.
EFT versteht sich als ein System, das Menschen darin unterstützt, ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren und ihre Selbstregulation zu stärken.
Ein Moment der Entdeckung: Als Angst verschwand und eine neue Methode entstand.
Einer der bekanntesten Fälle aus den frühen Jahren der Energetischen Psychologie ist der sogenannte „Mary“-Fall aus den 1980er Jahren.
Mary litt seit ihrer frühen Kindheit unter einer extremen Wasserphobie. Schon der Anblick von Wasser löste starke Angst aus. Duschen oder Baden waren kaum möglich, nach Regen verließ sie oft nicht das Haus, und selbst Szenen mit Wasser im Fernsehen konnte sie nur schwer ertragen. Zusätzlich litt sie unter Albträumen und wiederkehrenden Kopfschmerzen.
Über ein Jahr lang wurde sie verhaltenstherapeutisch behandelt – ohne nennenswerte Verbesserung.
Nachdem der Psychologe Dr. Roger Callahan auf einer Konferenz die Applied Kinesiology von Dr. George Goodheart kennengelernt hatte, begann er, einzelne Aspekte dieses Ansatzes in seine Arbeit einzubeziehen. In einer Sitzung bat er Mary, einen Punkt unter dem Auge zu beklopfen, der im Meridiansystem mit dem Magen verbunden ist – zunächst mit dem Ziel, zumindest ihre starke Übelkeit zu lindern, die häufig gemeinsam mit der Angst auftrat.
Was dann geschah, überraschte selbst Callahan.
Mary rief plötzlich: „Es ist weg!“ – und meinte damit nicht nur die Übelkeit, sondern auch ihre Angst. Kurz darauf lief sie zum nahegelegenen Pool und begann, sich Wasser ins Gesicht zu spritzen – immer wieder wiederholend: „Es ist weg!“
Die Phobie verschwand dauerhaft. Später unternahm Mary sogar Kreuzfahrten.
Für Callahan war dieses Erlebnis ein Wendepunkt. Obwohl der Zusammenhang zwischen der Stimulation bestimmter Punkte und dem Verschwinden der Symptome zunächst kaum erklärbar schien, begann er, dieses Phänomen systematisch zu erforschen.
Dabei entdeckte er, dass sich die Wirkung deutlich verstärken kann, wenn gleichzeitig Gedanken bewusst ausgerichtet werden – etwa durch Affirmationen. Aus diesen Untersuchungen entwickelte sich schließlich die Thought Field Therapy (TFT).
1985 veröffentlichte Callahan sein erstes Buch zu diesem Ansatz:
"The Five Minute Phobia Cure".
Von schamanischen Heiltraditionen zur Wiederentdeckung eines uralten Menschenbildes
Eine persönliche Suchbewegung
Je länger ich mich mit der Energetischen Psychologie beschäftige, desto weniger interessieren mich die Methode und ihre therapeutische Wirksamkeit allein. Mich fasziniert vielmehr das Menschenbild, das sich in ihr entfaltet. Und mehr noch interessiert mich das Bild vom Leben, aus dem dieses Menschenbild erwächst.
Je tiefer ich in die Materie eintauche, desto stärker entsteht bei mir der Eindruck, dass sich bestimmte Vorstellungen von Heilung über Jahrtausende hinweg immer wieder neu ausdrücken – in unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Begriffen und Bildern und schließlich auch in modernen therapeutischen Konzepten.
Es ist, als würden viele Quellen aus verschiedenen Landschaften entspringen und zunächst unabhängig voneinander ihren eigenen Weg nehmen. Doch je länger ich ihnen folge, desto deutlicher scheint sich ein gemeinsamer Ursprung abzuzeichnen. Unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Weltbilder – und doch eine gemeinsame Essenz, die immer wieder sichtbar wird.
Die Energetische Psychologie erscheint mir deshalb nicht nur als eine therapeutische Methode. Sie ist für mich Teil einer sehr alten Menschheitsgeschichte.
Heilung als Wiederherstellung von Verbundenheit
Schon in schamanischen Kulturen spielten Berührung, Rhythmus, Atem, Stimme und Bewegung eine bedeutende Rolle. Rituale dienten dazu, nach belastenden Erfahrungen die Verbundenheit des Menschen mit sich selbst, seiner Gemeinschaft, der natürlichen Mitwelt und einer Wirklichkeit zu stärken oder wiederherzustellen, die größer ist als wir selbst und unsere unmittelbar mit den Sinnen wahrnehmbare Welt.
In schamanischen Traditionen wurde der Mensch nicht primär als abgegrenztes Individuum verstanden, sondern als ein Wesen ursprünglicher Verbundenheit. Er war eingebunden in größere Ganzheiten – in die Gemeinschaft, die Ahnen, die Natur und eine Wirklichkeit, in der Körperliches und Geistiges nicht in der Weise voneinander getrennt wurden, wie es in vielen modernen Weltbildern selbstverständlich geworden ist.
Wurde ein Mensch krank, galt dies nicht allein als persönliches Schicksal, sondern als Ausdruck einer gestörten Ordnung innerhalb dieses Beziehungsgefüges. Heilung richtete sich daher nicht ausschließlich an den Einzelnen, sondern zugleich auf die Wiederherstellung jener Verbundenheit, die Gemeinschaft und Leben trägt.
Die Aufgabe der Schamanin oder des Schamanen bestand dabei häufig weniger darin, Krankheiten zu „behandeln“, als vielmehr darin, zwischen unterschiedlichen Ebenen der Wirklichkeit zu vermitteln. Durch Rituale, Trance, Intuition und eine tiefe Verbundenheit mit der natürlichen und – aus der jeweiligen kulturellen Perspektive – auch spirituellen Welt begleiteten sie Prozesse, die das gestörte Gleichgewicht zwischen Mensch, Gemeinschaft und materieller und immaterieller Mitwelt wiederherstellen sollten. Ihr Wirken stand dabei nicht im Dienst individueller Selbstverwirklichung, sondern dem Wohl der Gemeinschaft als Ganzes.
Was verstehen wir unter „Trance“?
Das Bild von Hypnose und Trance ist bis heute von einigen hartnäckigen Vorstellungen geprägt: von Fremdsteuerung und willenlosem Ausgeliefertsein, vom Bühnenhypnotiseur, der Menschen scheinbar die Kontrolle über sich selbst nehmen kann, oder von einem Zustand völligen „Weggetretenseins“. Auch die Vorstellung, Trance sei vor allem ein Zustand tiefer Entspannung und innerer Versenkung, greift zu kurz.
Aus ethnologischer und evolutionärer Perspektive zeigt sich ein wesentlich vielfältigeres Bild: Menschen nutzen offenbar seit sehr langer Zeit in unterschiedlichsten Kulturen die Fähigkeit, ihre Aufmerksamkeit und ihr Erleben gezielt zu verändern – und zwar für ganz konkrete Zwecke. Tranceerleben war und ist beispielsweise Bestandteil von Jagd- und Übergangsritualen, religiösen und gemeinschaftlichen Zeremonien sowie Heilungspraktiken.
Eine besondere Rolle spielen veränderte Bewusstseinszustände auch in schamanischen Traditionen, deren Wurzeln weit in die menschliche Kulturgeschichte zurückreichen. Trance wurde und wird dort gezielt im Rahmen ritueller Heilungsprozesse genutzt. Rhythmisches Trommeln, Gesang, Stimme, Atem, Tanz und wiederholte Bewegungen bündeln die Aufmerksamkeit und verändern das gewohnte Alltagserleben. Innere Bilder, Körperempfindungen und andere Formen des Erlebens treten in den Vordergrund.
Gerade diese alten rituellen Praktiken machen deutlich, dass Trance keineswegs immer mit Ruhe oder tiefer Entspannung verbunden ist. Je nach Ziel kann sie sehr unterschiedliche Formen annehmen. Wo Wachheit, Kraft und gemeinsames Handeln gefragt sind, können intensive Bewegung, Tanz, Gesang, Rhythmus und körperliche Aktivierung im Vordergrund stehen. In anderen Zusammenhängen sind Ruhe, innere Bilder und eine starke Konzentration auf das eigene Erleben bedeutsamer.
Diese große kulturelle Vielfalt bei gleichzeitiger weltweiter Verbreitung legt nahe, Trance nicht als exotischen Sonderzustand zu betrachten, sondern als eine grundlegende menschliche Fähigkeit, die im Laufe der Kulturgeschichte für unterschiedliche Aufgaben und Ziele genutzt wurde. Die moderne therapeutische Arbeit mit Trance steht damit – bei allen Unterschieden zu traditionellen Heilungsritualen – in einer sehr viel längeren menschlichen Geschichte des gezielten Arbeitens mit Aufmerksamkeit, Körpererleben, Imagination und unwillkürlichen Prozessen.
Trance bezeichnet dabei weniger einen bestimmten Zustand als eine besondere Form des Erlebens, bei der Aufmerksamkeit auf spezifische Weise gesteuert und fokussiert wird. Bestimmte Wahrnehmungen, innere Bilder, Körperempfindungen oder Erfahrungen treten in den Vordergrund, anderes wird vorübergehend weniger bedeutsam.
Nachlesen: z.B. Schmidt, Gunther (2005/2024): Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Heidelberg und ders. (2015): Liebesaffären zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten. Heidelberg.
Frühe Spuren energietherapeutischer Körperarbeit
Auch archäologische Funde legen nahe, dass die bewusste Arbeit am Körper – vielleicht sogar mit dem, was unterschiedliche Kulturen als Lebenskraft oder Lebendigkeit beschrieben – eine sehr lange Geschichte hat.
Der vor über 5.000 Jahren lebende Gletschermann Ötzi trug 61 Tätowierungen – die ältesten bislang bekannten Tätowierungen der Menschheitsgeschichte. Bemerkenswert ist, dass viele dieser Tätowierungen an Körperstellen liegen, die auch heute noch in der Akupunktur zur Behandlung von Schmerzen entlang der Wirbelsäule sowie an Knien und Knöcheln genutzt werden. Zugleich befinden sie sich auffallend häufig an Stellen, an denen bei Ötzi degenerative Veränderungen nachgewiesen wurden. Viele Forschende vermuten deshalb, dass diese Markierungen weniger Körperschmuck als vielmehr Teil einer frühen Form der Schmerzbehandlung gewesen sein könnten.
Auch aus dem Alten Ägypten sind Darstellungen bekannt, die als frühe Formen gezielter Druck- oder Massagebehandlungen an Händen und Füßen interpretiert werden und häufig als historische Vorläufer heutiger Reflexzonentherapien gelten.
Ob zwischen diesen verschiedenen Traditionen direkte historische Zusammenhänge bestehen, wissen wir nicht. Bemerkenswert erscheint mir jedoch, dass Menschen in unterschiedlichen Kulturen offenbar immer wieder ähnliche Wege suchten, um Gesundheit über den Körper zu unterstützen.
Leben als Beziehungsgeschehen
Auch in den frühen Hochkulturen finden sich Vorstellungen einer alles verbindenden Lebendigkeit oder Lebenskraft. In der Traditionellen Chinesischen Medizin spricht man von Qi, der Grundlage der Meridianlehre, in Japan von Ki. Im Ayurveda bezeichnet Prana den Lebensatem, aus dessen Verständnis sich unter anderem die Chakrenlehre entwickelte. In der antiken griechischen Philosophie und Medizin begegnet uns der Begriff Pneuma – ursprünglich „Atem“ oder „Hauch“ –, der als das den Menschen belebende Prinzip verstanden wurde und später auch in der Medizin eine wichtige Rolle spielte. In der europäischen Tradition finden sich verwandte Vorstellungen etwa bei Paracelsus mit dem Archaeus oder in der antiken Idee der vis medicatrix naturae, der heilenden Kraft der Natur.
Trotz aller kulturellen Unterschiede verbindet diese Traditionen die Vorstellung, dass Leben nicht allein aus materiellen Prozessen besteht, sondern von einer lebendigen Dynamik getragen wird, die den Menschen mit seiner Mitwelt verbindet.
Mich interessiert dabei weniger die Frage, ob sich diese historischen Konzepte eins zu eins in die Sprache moderner Naturwissenschaft übersetzen lassen. Spannender erscheint mir die Frage, welches Verständnis vom Menschen und vom Leben uns helfen kann, Veränderungs- und Heilungsprozesse heute besser zu begreifen.
Auf verschiedenen Kontinenten und über viele Jahrtausende hinweg begegnet immer wieder die Vorstellung, dass Gesundheit weniger ein Zustand des abgegrenzten Individuums ist als vielmehr Ausdruck gelebter Verbundenheit – mit sich selbst, mit anderen Menschen, mit der Natur und mit einem größeren Ganzen. Die Begriffe unterscheiden sich, ebenso die kulturellen Deutungen. Doch die zugrunde liegende Intuition scheint sich erstaunlich oft zu ähneln.
Eine neue Perspektive auf den Begriff „Energie“
energeia: grch. enérgeia (ἐνέργεια) ‘Wirksamkeit, wirkende Kraft’
dynamis: grch. ýnamis (δύναμις) ‘Kraft, Potenzial, Vermögen (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen)
Vielleicht eröffnet der Begriff „Energie“ selbst eine interessante Brücke zwischen historischen Heiltraditionen und unserem heutigen Verständnis von Heilung.
Mich interessiert dabei weniger, ob der Begriff „Energie“ die einzig richtige Beschreibung ist. Mich interessiert vielmehr, worauf er verweist: auf Lebendigkeit, Wirksamkeit und die dem Leben innewohnende Fähigkeit, sich zu organisieren, sich in Verbundenheit zu entfalten und unter günstigen Bedingungen Entwicklung hervorzubringen.
Interessanterweise stammt das Wort Energie vom griechischen energeia:
Aristoteles verstand darunter keine geheimnisvolle Kraft oder Substanz, sondern das Wirksamwerden dessen, was angelegt ist – Lebendigkeit im Vollzug, die Verwirklichung einer Möglichkeit.
Dem gegenüber steht der Begriff dynamis, der die Möglichkeit oder das Potenzial bezeichnet.
"Energeia" beschreibt den Moment, in dem dieses Potenzial Wirklichkeit wird.
In diesem ursprünglichen Sinn verstehe ich den Begriff „Energie“ als eine Metapher für die dem Leben innewohnende Fähigkeit, sich zu organisieren, in Beziehung zu treten und die eigenen Möglichkeiten unter günstigen Bedingungen zu entfalten.
Nicht als physikalische Größe oder metaphysische Behauptung, sondern als Ausdruck einer lebendigen Dynamik, die Menschen mit sich selbst, mit anderen, mit der Natur und mit einem größeren Ganzen verbindet.
Aus dieser Perspektive verstehe ich auch die Energetische Psychologie. Ihr Anliegen besteht für mich nicht darin, eine neue Theorie über verborgene Energien aufzustellen. Vielmehr interessiert mich, unter welchen Bedingungen Menschen wieder Zugang zu ihren eigenen Entwicklungs- und Selbstorganisationskräften finden können – zu jener Lebendigkeit, die Wachstum, Veränderung und Heilung ermöglicht.
Moderne Verfahren wie EFT oder die Trauma Buster Technique greifen uralte Formen achtsamer Körperarbeit auf und verbinden sie mit Erkenntnissen der Psychologie, Psychotherapie, Neurobiologie und Stressforschung. Für mich liegt ihre besondere Stärke gerade darin, dass sie unterschiedliche Erkenntnistraditionen miteinander in einen fruchtbaren Dialog bringen, ohne sie gleichzusetzen.
Eine Haltung der Demut
Mit diesem Verständnis verbindet sich für mich zugleich eine Haltung der Demut. Nicht als Selbstverkleinerung, sondern als Anerkennung der Grenzen unseres Wissens und unserer Einflussmöglichkeiten.
Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe therapeutischer Arbeit nicht darin, Entwicklung hervorzubringen oder Heilung herzustellen. Wir können Leben nicht kontrollieren und Veränderung nicht erzwingen. Wir können jedoch Bedingungen schaffen, unter denen sich die dem Menschen innewohnenden Entwicklungs- und Selbstorganisationskräfte wieder entfalten können.Methoden und fachliches Wissen sind dabei wichtig – aber sie stehen im Dienst des Menschen, nicht umgekehrt. Veränderung lässt sich nicht verordnen oder herstellen. Sie kann dort entstehen, wo ein Mensch sich gesehen und in seiner Würde geachtet fühlt und wieder Zugang zu den eigenen Kräften, Möglichkeiten und inneren Bewegungen findet.
Vielleicht berührt mich deshalb die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes therápōn (θεράπων), aus dem unser Wort „Therapeut“ hervorgegangen ist. Der therápōn war ein Diener, Helfer und Gefährte. Therapeía (θεραπεία) bezeichnete ursprünglich Achtungsbezeugung und Verehrung gegenüber den Göttern und Dienst, Pflege und Fürsorge. Im Wortursprung von Therapie klingt damit eine spirituelle Dimension an: die Vorstellung, dass Begleitung und Fürsorge etwas mit Achtung, Hingabe und dem Dienst am Leben zu tun haben.
In dieser alten Bedeutung finde ich etwas von meinem eigenen Verständnis therapeutischer Arbeit wieder. Sie ist weit entfernt von der Vorstellung, ein Therapeut sei ein Experte, der einen anderen Menschen „repariert“. Therapeutische Arbeit bedeutet für mich vielmehr, zu begleiten, in Beziehung zu sein und dem Leben und seinen eigenen Entwicklungsbewegungen zu dienen.
In diesem Sinne verstehe ich auch die Energetische Psychologie. Nicht als eine Methode, mit der Therapeutinnen und Therapeuten Heilung bewirken, sondern als eine Einladung, Bedingungen zu schaffen, unter denen das Leben seine eigenen Möglichkeiten wieder entfalten kann.
Schlussgedanken
Ich suche nicht nach der einen richtigen Theorie. Ich suche nach einer Sprache, die es ermöglicht, unterschiedliche Erkenntnistraditionen miteinander ins Gespräch zu bringen – ohne ihre Unterschiede einzuebnen.
Vielleicht besteht wissenschaftlicher und philosophischer Fortschritt nicht darin, alle bisherigen Sprachen durch eine neue zu ersetzen, sondern darin, Übersetzungen zwischen ihnen zu ermöglichen.
Und dennoch bleibt etwas, das sich jeder Sprache entzieht. Vielleicht ist das kein Mangel unserer Erkenntnis, sondern ein Wesenszug des Lebendigen selbst.
“There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.”
William Shakespeare, Hamlet, Akt I, Szene 5
Vielleicht beginnt Weisheit dort, wo wir die Präzision wissenschaftlicher Erkenntnis mit der Offenheit verbinden, dass das Leben immer größer bleibt als unsere Theorien über das Leben.