Energetische Psychotherapie
Energie verstehen. Heilung neu denken.
Wenn Reden allein nicht hilft
Manche Erfahrungen lassen sich nicht allein durch Verstehen oder Worte verändern. Der Körper erinnert sich, Emotionen bleiben spürbar, obwohl wir ihren Ursprung längst zu kennen glauben. Hier setzt die Energetische Psychologie an.
Sie verbindet körperorientierte, psychotherapeutische und ressourcenorientierte Methoden zu einem Ansatz, der das Zusammenspiel von Körper, Nervensystem, Emotionen und Aufmerksamkeit nutzt, um Veränderungsprozesse zu unterstützen. Ziel ist es, emotionale Belastungen zu regulieren, Selbstorganisation zu fördern und den Zugang zu den eigenen Ressourcen wiederzufinden.
Was bedeutet „Energie“?
Der Begriff „Energie“ wird in der Energetischen Psychologie unterschiedlich verstanden. Die meisten Verfahren knüpfen an die Meridianlehre der Traditionellen Chinesischen Medizin an und gehen davon aus, dass emotionale Belastungen mit Störungen im energetischen Regulationssystem des Menschen verbunden sind.
Mich interessiert dabei weniger die Frage, ob sich diese Vorstellungen vollständig naturwissenschaftlich erklären oder nachweisen lassen. Spannender erscheint mir die Frage, worauf sie verweisen:
Viele Kulturen haben versucht, jene Lebendigkeit zu beschreiben, die den Menschen mit sich selbst, mit anderen und mit seiner Mitwelt verbindet – etwa als Qi, Prana oder Pneuma.
Wie arbeitet die Energetische Psychologie?
Verfahren wie EFT (Emotional Freedom Techniques), TFT (Thought Field Therapy) oder die Trauma Buster Technique (TBT) kombinieren die achtsame Fokussierung auf belastende Gefühle oder Erinnerungen mit sanften Körperinterventionen – zumeist dem Klopfen bestimmter Akupunkturpunkte – daher spricht man auch von "Klopfakupressur" – mit Visualisieren, Summen, Augenbewegungen und Zählen. Dies wirkt auf manche Menschen erst einmal ungewöhnlich.
Die Energetische Psychologie knüpft dabei an die Meridianlehre der Traditionellen Chinesischen Medizin an. Aus ihrer Sicht sind emotionale Belastungen mit Störungen im energetischen Regulationssystem des Menschen verbunden. Gleichzeitig wird ihre Wirkung heute zunehmend auch aus der Perspektive der Neurobiologie, der Gedächtnisforschung, der Stressphysiologie und moderner psychotherapeutischer Konzepte beschrieben. Heute sprechen wir unter anderem von Selbstorganisation, Neuroplastizität, neurohumoralen Wirkmechanismen, Emotionsregulation oder Resilienz.
Vor dem Hintergrund der westlich-akademischen Perspekive werden diese Verfahren oder Techniken auch BSMA (Bifokale Multisensorische Aktivierung) oder BFMSI (Bifokale Multisensorische Interventionstechniken) genannt.
Die Begriffe unterscheiden sich – vielleicht beschreiben sie unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe menschliche Erfahrung.
Unabhängig vom jeweiligen Erklärungsmodell berichten viele Menschen, dass belastende Emotionen an Intensität verlieren oder aufgelöst werden, körperliche Begleiterscheinungen, Symptome gelindert werden, das Nervensystem zur Ruhe kommt und wieder mehr innere Stabilität, Klarheit und Handlungsfähigkeit entstehen.
Sanft, wirksam und effizient
Ein besonderer Vorteil energetisch-psychotherapeutischer Verfahren besteht darin, dass auch belastende oder traumatische Erinnerungen bearbeitet werden können, ohne sie ausführlich erzählen oder erneut durchleben zu müssen. Statt einer langwierigen Exploration und Konfrontation stehen die Regulation des Nervensystems und die Verarbeitung der emotionalen Belastung im Vordergrund.
Erwünschte Veränderungen werden erstaunlich oft unmittelbar und in vergleichsweise kurzer Zeit erlebt – und sind dabei zumeist nachhaltig wirksam.
Die Erinnerung an ein belastendes Erlebnis wird dadurch nicht gelöscht. Was sich jedoch verändern kann, ist die emotionale und körperliche Reaktion, die bislang mit dieser Erinnerung verbunden war. Erinnerung und Reaktion scheinen sich gleichsam voneinander zu entkoppeln: Das Geschehene bleibt Teil der eigenen Geschichte, verliert aber seine Macht über das gegenwärtige Erleben. Ein Mensch kann sich dann beispielsweise weiterhin sehr genau an eine belastende Situation erinnern, ohne dass zugleich dieselbe Angst, Enge, Übelkeit, Anspannung oder innere Unruhe auftritt.
Viele Menschen erleben gerade diese Erfahrung als ausgesprochen befreiend: "Auch wenn die Erinnerung bleibt und zu mir gehört, belastet sie mich heute nicht mehr. Sie ist Teil meiner Geschichte – und sie ist Vergangenheit.“
Besonders wirksam erweisen sich Klopftechniken bei Belastungen, die mit einem hohen körperlichen Arousal (Erregungsniveau) verknüpft sind, wie Phobien und Ängsten aller Art, Süchten und posttraumatischer Belastungsstörung.
Heilung erfordert nicht, belastende Erfahrungen immer wieder zu erzählen oder erneut zu durchleben. Oft geht es vielmehr darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen das Nervensystem Sicherheit findet und das Erlebte auf neue Weise verarbeitet werden kann.
Energetische Verfahren können sowohl in der Psychotherapie als auch im Coaching, in der Beratung, Pädagogik und als Methode der Selbsthilfe eingesetzt werden. Sie unterstützen Menschen dabei, ihre eigenen Selbstregulations- und Entwicklungskräfte wiederzuentdecken und den Zugang zu ihren Ressourcen zu stärken.
Nach heutigem Kenntnisstand gelten die Verfahren – fachgerecht angewandt – als sehr gut verträglich. Mir sind bislang keine unerwünschten Nebenwirkungen oder Retraumatisierungen bekannt.
Paradigmenwechsel: das „Energetische Paradigma“?
Als David Feinstein die Energiepsychologie 2005 eine mögliche „vierte Welle“ der Psychotherapie beschrieb, war die wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet noch vergleichsweise jung. Heute – mehr als zwanzig Jahre später – hat sich die Evidenz kontinuierlich erweitert. Aus den ersten vielversprechenden Untersuchungen ist inzwischen eine beachtliche Zahl hochwertiger Studien entstanden. Sie zeigen bei einer Reihe psychischer Belastungen eine zum Teil erstaunliche Wirksamkeit energetisch-psychotherapeutischer Verfahren.
Wie für alle psychotherapeutischen Methoden gilt jedoch auch hier: Sie sollten verantwortungsvoll und entsprechend der individuellen Situation eingesetzt werden.
Mehr als eine Methode
Je länger ich mich mit der Energetischen Psychologie beschäftige, desto weniger interessieren mich die Methode und ihre therapeutische Wirksamkeit allein. Mich fasziniert vielmehr das Menschenbild, das sich in ihr entfaltet. Und mehr noch interessiert mich das Bild vom Leben, aus dem dieses Menschenbild erwächst. Es ist ein Bild universeller Verbundenheit im Gewebe des Lebens.
Wir sind mit allem verbunden, was lebt.
Gerade darin sehe ich auch die eigentliche Chance der Energetischen Psychologie. Sie lädt dazu ein, unterschiedliche Erkenntnistraditionen miteinander ins Gespräch zu bringen. Östliche Heiltraditionen und westliche Wissenschaft müssen dabei keine Gegensätze sein. Sie können sich ergänzen, indem sie unterschiedliche Fragen stellen und unterschiedliche Sprachen für ähnliche Erfahrungen gefunden haben. Die einen sprechen von Qi, Prana oder Ki, die anderen von Selbstorganisation, neurohumoralen Regulationsprozessen oder neuronaler Plastizität. Vielleicht beschreiben sie damit nicht dieselben Theorien, wohl aber ähnliche Phänomene – aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, ob wir die richtige Sprache gefunden haben. Vielleicht geht es vielmehr darum, unterschiedliche Erkenntnistraditionen miteinander ins Gespräch zu bringen – ohne ihre Unterschiede einzuebnen und ohne sie vorschnell gegeneinander auszuspielen.
Offen zu bleiben für wissenschaftliche Erkenntnis ebenso wie für die Möglichkeit, dass das Leben größer ist als jede einzelne Theorie über das Leben.
Energetische Psychologie und andere Lebewesen
Heilung jenseits von Sprache
Die Energetische Psychologie wird nicht nur bei Menschen angewandt. Auch aus der Arbeit mit Tieren gibt es zahlreiche Erfahrungsberichte über den unterstützenden Einsatz von EFT und verwandten energetischen Verfahren.
Je nach theoretischem Verständnis werden solche Wirkungen mit dem körpereigenen Energiesystem, dem Energiefeld eines Lebewesens oder mit körperlichen und neurophysiologischen Regulationsprozessen erklärt. Welche dieser Beschreibungen der Wirklichkeit am nächsten kommt, möchte ich bewusst offenlassen.
Für mich ist vielmehr interessant, dass energetische Verfahren auch dort eingesetzt werden, wo Sprache, bewusste Reflexion und kognitive Einsicht keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen. Gerade die Erfahrungen mit nicht-menschlichen Lebewesen laden dazu ein, die Wechselwirkungen von Beziehung, Berührung, Aufmerksamkeit, Nervensystem und möglicherweise auch energetischen Prozessen weiter zu erforschen.
Beziehung, Resonanz und die Fähigkeit lebender Systeme zur Selbstregulation scheinen auf unterschiedlichen Ebenen wirksam zu sein – auch dort, wo wir sie noch nicht vollständig verstehen – und wahrscheinlich oder hoffentlich – nie ganz verstehen werden.
Zum Verständnis von Trauma
Unter einem Trauma verstehe ich ein Erlebnis oder Geschehen, das unser grundlegendes Gefühl von Sicherheit – im eigenen Körper, in unseren Beziehungen oder in unserem sozialen Umfeld – tief erschüttert und unsere verfügbaren Möglichkeiten der Verarbeitung und Bewältigung überfordert.
Entscheidend ist dabei nicht allein, wie „objektiv schlimm“ ein Ereignis von außen betrachtet erscheint. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf belastende Erfahrungen. Was der eine Mensch bewältigen und integrieren kann, kann einen anderen in seinen Möglichkeiten der Verarbeitung überwältigen.
Ob eine Erfahrung traumatisch wirkt, hängt deshalb immer auch davon ab, wie wir sie subjektiv erleben, welche Erfahrungen wir bereits mitbringen, welche inneren und äußeren Ressourcen uns zur Verfügung stehen und ob wir in der Situation Schutz, Unterstützung und Verbundenheit erfahren.
Traumatisierende Erfahrungen müssen uns auch nicht unmittelbar selbst widerfahren. Wir können beispielsweise Zeug eines schweren Unfalls oder von Gewalt werden oder durch die wiederholte Konfrontation mit dem Leid anderer Menschen tief erschüttert werden. Wir sprechen dann von "sekundärer Traumatisierung"
In Situationen, die unser Nervensystem als existenziell bedrohlich erlebt, werden sehr alte, evolutionär entstandene Schutzprogramme aktiviert. Sie laufen weitgehend automatisch und blitzschnell ab – lange bevor unser bewusstes Denken die Situation vollständig erfasst hat. Unser Organismus mobilisiert dann jene Reaktionen, die in diesem Moment die größte Aussicht auf Schutz versprechen: kämpfen, fliehen oder – wenn beides nicht möglich erscheint – erstarren (Fight – Flight – Freeze).
Diese Reaktionen sind zunächst keine Störung, sondern sinnvolle Überlebens- und Schutzreaktionen unseres Organismus. Problematisch können sie werden, wenn die Erfahrung anschließend nicht ausreichend verarbeitet und integriert werden kann und das Nervensystem gewissermaßen weiterhin auf Gefahr eingestellt bleibt. Dann können auch lange nach dem eigentlichen Ereignis körperliche Empfindungen, Gefühle, Bilder oder Situationen Reaktionen auslösen, als wäre die damalige Bedrohung noch immer gegenwärtig.
Trauma bedeutet nicht zwangsläufig PTBS
Nicht jeder Mensch entwickelt nach einer traumatischen Erfahrung eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Menschen unterscheiden sich erheblich darin, wie sie extreme Belastungen verarbeiten können. Dabei spielen die Art und Dauer der Erfahrung ebenso eine Rolle wie frühere Erfahrungen, Lebensumstände, vorhandene Ressourcen und insbesondere soziale Unterstützung.
Eine PTBS ist also eine mögliche Folge traumatischer Erfahrungen – aber keineswegs deren zwangsläufige Folge. Viele Menschen können selbst sehr schwere Erfahrungen mit der Zeit verarbeiten und in ihre Lebensgeschichte integrieren.
Das Risiko ist zudem nicht bei allen Formen traumatischer Erfahrungen gleich. Wiederholte oder lang andauernde Traumatisierungen, insbesondere Gewalt durch andere Menschen, können andere und tiefgreifendere Folgen haben als ein einmaliges Ereignis. Auch Menschen in Berufen, in denen sie wiederholt mit Gewalt, schweren Unfällen, Tod oder existenzieller Bedrohung konfrontiert sind – etwa bei Feuerwehr, Polizei, Rettungsdiensten oder Militär – sind besonderen Belastungen ausgesetzt.
Trauma lässt sich deshalb für nicht allein über ein Ereignis definieren. Entscheidend ist auch, was dieses Ereignis in einem Menschen auslöst – und ob Körper und Nervensystem danach wieder erfahren können: Die Gefahr ist vorbei. Jetzt bin ich wieder in Sicherheit.
Der Fawn-Response - der Bambi-Reflex
“Fawn types seek safety by merging with the wishes, needs and demands of others. They act as if they unconsciously believe that the price of admission to any relationship is the forfeiture of all their needs, rights, preferences and boundaries.”
„Bambi-Menschen suchen Sicherheit, indem sie mit den Wünschen, Bedürfnissen und Anforderungen anderer Menschen verschmelzen. Sie verhalten sich, als glaubten sie unbewusst, der Preis für jede Beziehung bestehe darin, die eigenen Bedürfnisse, Rechte, Vorlieben und Grenzen aufzugeben.“ -
— Pete Walker, Übersetzung: Y.F.
Neben Kämpfen, Flüchten und Erstarren wird in der Traumaarbeit eine weitere mögliche Schutzreaktion beschrieben: der sogenannte Fawn Response. Fawn bedeutet im Englischen „Rehkitz“ – als Verb to fawn bezeichnet es ein übermäßig gefälliges, schmeichelndes oder unterwürfiges Verhalten gegenüber einem anderen Menschen. Daher wird diese Reaktion auch anschaulich als Bambi-Reflex bezeichnet: eine ausgeprägte Form der Anpassung und Unterordnung, die ursprünglich dem Schutz und dem Erhalt von Bindung dient. Dahinter kann eine tief verankerte innere Erfahrung stehen:
„Wenn ich nur lieb genug bin, mich anpasse und keinen Anlass für Ärger gebe, bin ich sicher.“
Menschen versuchen dann, Sicherheit herzustellen, indem sie die Bedürfnisse, Stimmungen und Erwartungen anderer besonders aufmerksam wahrnehmen und das eigene Verhalten daran ausrichten. Gerade für Kinder, die auf ihre Bezugspersonen angewiesen sind und belastenden oder unberechenbaren Situationen nicht entkommen können, kann eine solche Strategie ausgesprochen sinnvoll sein. Wenn Kampf oder Flucht keine Möglichkeiten sind, kann Anpassung helfen, Konflikte zu vermeiden, Bedrohung zu verringern und – vielleicht besonders wichtig – ein Stück Bindung und Zugehörigkeit zu bewahren.
In diesem Sinne ist auch der Bambi-Reflex zunächst nicht als Schwäche oder Fehlverhalten zu verstehen, sondern als intelligenter Schutz- und Lösungsversuch unter schwierigen Bedingungen.
Wenn aus Anpassung ein Lebensmuster wird
Schwierig kann es werden, wenn diese einst hilfreiche Strategie auch dann weiterwirkt, wenn die ursprüngliche Gefahr längst vorüber ist.
Menschen, die sehr früh gelernt haben, ihre Aufmerksamkeit vor allem nach außen zu richten, nehmen häufig feinste Veränderungen in Stimmung und Verhalten anderer wahr. Gleichzeitig kann der Zugang zu den eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Grenzen immer leiser geworden sein.
Das kann sich später beispielsweise darin zeigen, dass jemand sehr viel Verantwortung für das Wohlergehen anderer übernimmt, Konflikte möglichst vermeidet, nur schwer Nein sagen oder Grenzen setzen kann oder die eigenen Bedürfnisse kaum wahrnimmt und immer wieder zurückstellt. Manche Menschen spüren sehr schnell, was andere brauchen – und nur schwer, was sie selbst brauchen. Sobald sie eigene Wünsche oder Interessen vertreten, können starke Gefühle von Angst, Schuld oder Scham auftauchen.
Von außen wirken solche Menschen häufig besonders freundlich, hilfsbereit, unkompliziert und empathisch. Gerade deshalb bleibt das Muster leicht unbemerkt – manchmal auch in Psychotherapie und Beratung.
Auch in der Therapie kann Anpassung weiterwirken
Das ist für therapeutische Arbeit besonders bedeutsam. Ein Mensch, der gelernt hat, Sicherheit durch Anpassung herzustellen, wird möglicherweise auch sehr genau wahrnehmen, was die Therapeutin erwartet, gut findet oder hören möchte.
Ein scheinbares Einverständnis muss dann nicht unbedingt bedeuten, dass etwas wirklich stimmig ist. Ein „Ja“ kann aus einer alten Erfahrung heraus entstehen, in der ein „Nein“ mit Angst, Beschämung, Konflikt oder dem drohenden Verlust von Verbundenheit verbunden war.
Deshalb ist mir eine therapeutische Beziehung wichtig, in der Zustimmung nicht vorausgesetzt wird und ein Nein ausdrücklich willkommen ist. Grenzen wahrzunehmen und aussprechen zu dürfen, ohne dadurch Beziehung und Zugehörigkeit zu gefährden, kann selbst zu einer neuen und heilsamen Erfahrung werden.
Von der Überanpassung wieder zu sich selbst
Es geht dabei nicht darum, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft oder die Fähigkeit, sich auf andere einzustellen, abzulegen. All dies können wunderbare menschliche Fähigkeiten sein.
Entscheidend ist vielmehr: Kann ich wählen?
Kann ich mich einem anderen Menschen zuwenden, ohne mich selbst dabei zu verlassen? Kann ich mitfühlen und gleichzeitig meine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen? Kann ich Ja sagen – und ebenso Nein? Kann ich verbunden bleiben und dennoch eine eigene Position haben?
Therapeutische Arbeit kann dabei unterstützen, die Aufmerksamkeit behutsam wieder nach innen zu richten, eigene Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen und Selbstbehauptung nicht länger automatisch als Gefahr zu erleben. Das braucht häufig Zeit, Sicherheit und eine Beziehung, in der neue Erfahrungen tatsächlich gemacht werden dürfen.
Dabei geht es nicht darum, die alte Anpassungsstrategie zu bekämpfen oder abzuwerten.
Sie hatte einmal einen guten Grund und hat möglicherweise wesentlich dazu beigetragen, schwierige Situationen zu bewältigen. Aus hypnosystemischer Perspektive lässt sie sich als ein hoch kompetenter Lösungsversuch für wichtige Bedürfnisse – allerdings mit einem hohen Preis verstehen.
Eine kleine Landkarte unserer Schutzreaktionen
Wenn wir uns bedroht, überwältigt oder existenziell unsicher fühlen, stehen unserem Organismus unterschiedliche, evolutionär entwickelte Schutz- und Überlebensreaktionen zur Verfügung. Sie werden weitgehend automatisch und blitzschnell aktiviert – nicht weil wir uns bewusst für sie entscheiden, sondern weil unser Nervensystem in diesem Moment versucht, möglichst schnell für Sicherheit zu sorgen.
Kämpfen – Fight
Wenn unser Organismus die Möglichkeit sieht, eine Bedrohung aktiv abzuwehren, stellt er Energie für Kampf und Selbstbehauptung bereit. Das kann sich in Wut, Anspannung, Widerstand oder dem starken Impuls zeigen, sich zu verteidigen und Grenzen zu setzen.
Fliehen – Flight
Erscheint es erfolgversprechender, einer Gefahr zu entkommen, wird die bereitgestellte Energie für Flucht genutzt. Neben tatsächlichem Weglaufen kann sich diese Reaktion auch in starker Unruhe, Rastlosigkeit oder dem dringenden Bedürfnis zeigen, einer belastenden Situation möglichst schnell zu entkommen.
Erstarren oder Abschalten – Freeze / Immobilität
Wenn weder Kampf noch Flucht möglich oder aussichtsreich erscheinen, kann der Organismus mit Erstarrung, Immobilität oder einem weitgehenden Abschalten reagieren. Manche Menschen erleben dann, dass sie sich nicht mehr bewegen oder sprechen können, sich wie gelähmt fühlen oder innerlich „wegtreten“.
Beschwichtigen und sich anpassen – Fawn
Eine weitere Möglichkeit, Sicherheit herzustellen, besteht darin, die Bedrohung gewissermaßen über Beziehung zu regulieren. Beim sogenannten Fawn Response oder Bambi-Reflex richtet sich die Aufmerksamkeit besonders stark auf das Gegenüber: Was braucht der andere? Was erwartet er von mir? Wie muss ich mich verhalten, damit nichts Schlimmes geschieht?
Fawn bedeutet im Englischen „Rehkitz“; als Verb to fawn bezeichnet es ein übermäßig gefälliges, schmeichelndes oder unterwürfiges Verhalten gegenüber einem anderen Menschen. Der Bambi-Reflex kann deshalb als Versuch verstanden werden, durch Gefälligkeit, Beschwichtigung und Unterordnung Sicherheit und Verbundenheit zu erhalten.
Dabei geht es um weit mehr als bloße Anpassung oder sogenanntes ‚People Pleasing‘.
Die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen können so weit in den Hintergrund treten, dass kaum noch spürbar ist, was eigentlich zu mir und was zum anderen gehört. Pete Walker spricht hier von einem merging – einem Verschmelzen mit den Wünschen, Bedürfnissen und Anforderungen anderer.
Und wo gehört Dissoziation hin?
Dissoziation würde ich quer zu dieser Landkarte denken. Sie ist nicht einfach eine weitere Reaktion neben Kampf, Flucht, Erstarrung und Fawn und lässt sich auch nicht eindeutig einer einzigen dieser Reaktionen zuordnen.
Wenn eine Erfahrung zu überwältigend wird, kann unser Organismus die Verbindung zu bestimmten Bereichen unseres Erlebens gewissermaßen vorübergehend lockern oder unterbrechen. Gefühle, Körperempfindungen, Wahrnehmungen oder Erinnerungen werden dann möglicherweise nur noch gedämpft oder gar nicht mehr wahrgenommen.
Das kann sich sehr unterschiedlich anfühlen: wie neben sich stehen, alles wie durch einen Schleier erleben, den eigenen Körper kaum noch spüren oder das Geschehen wie von außen beobachten. Manchmal ist es auch einfach ein Gefühl von Leere oder davon, irgendwie „nicht richtig da“ zu sein.
Dissoziation kann besonders bei Erstarrungs- und Immobilitätsreaktionen auftreten, sie kann aber auch andere Schutzmuster begleiten. So kann beispielsweise ein Mensch beim Bambi-Reflex die Stimmungen und Bedürfnisse anderer außerordentlich fein wahrnehmen und gleichzeitig den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und Körperempfindungen verlieren:
Ich spüre sehr genau, was mit dir los ist – aber kaum noch, was in mir selbst geschieht.
All diese Reaktionen sind zunächst keine bewussten Entscheidungen und keine Zeichen von Schwäche. Sie sind Versuche unseres Organismus, unter bedrohlichen oder überwältigenden Bedingungen Schutz, Sicherheit und manchmal auch Verbundenheit zu bewahren.
Problematisch können sie werden, wenn sie weiterwirken, obwohl die ursprüngliche Gefahr längst vorbei ist und heute andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen.
Therapeutisch geht es deshalb nicht darum, diese Reaktionen zu bekämpfen oder abzuwerten. Vielmehr können wir versuchen zu verstehen, wofür sie einmal notwendig waren, ihnen mit Respekt zu begegnen und dem Nervensystem behutsam neue Erfahrungen zu ermöglichen:
Die Gefahr ist vorbei. Ich bin heute nicht mehr dort. Ich darf mich wieder spüren, meine Grenzen wahrnehmen und mit anderen verbunden sein, ohne mich selbst dabei zu verlieren.
Grundlagen
Craig, G. (1995/2010). The EFT Manual (Emotional Freedom Techniques). Grundlagenwerk zur Entwicklung und Anwendung von EFT.
Übersichtsarbeiten und Evidenz
Feinstein, D. (2005):
An Overview of Research in Energy Psychology.
Erste umfassende Übersicht zur damaligen Forschungslage.
Feinstein, D. (2008): Energy Psychology: A Review of the Preliminary Evidence. Psychotherapy: Theory, Research, Practice, Training, 45(2), 199–213.
DOI: 10.1037/0033-3204.45.2.199
Feinstein, D. (2012):
Acupoint Stimulation in Treating Psychological Disorders: Evidence of Efficacy.
Review of General Psychology, 16(4), 364–380.
Feinstein, D. (2025): How Tapping Works: Physiological and Psychological Mechanisms in Energy Psychology.
Frontiers in Psychology.
Neuropsychologische Grundlagen
Andrade, J. & Feinstein, D. (2004):
Energy Psychology: Theory, Indications, Evidence.
In: Energy Psychology Interactive. Ashland, OR: Innersource.
Pfeiffer, A.: Publikationen zur Energetischen Psychologie im deutschsprachigen Raum und zur klinischen Integration energetisch-psychotherapeutischer Verfahren, darunter besonders (2003): Emotionale Erinnerung – Klopfen als Schlüssel der Errinnerung. Neurowissenschaftliche Wirkhypothesen der Klopftechniken. Heidelberg. (2021 Promotion zur "Emotionsregulierung durch Klopftechniken– eine fMRT-Studie")
Wells, S., Polglase, K., Andrews, H. B., Carrington, P. & Baker, A. H. (2003):
Evaluation of a Meridian-Based Intervention, Emotional Freedom Techniques (EFT), for Reducing Specific Phobias of Small Animals.
Journal of Clinical Psychology, 59(9), 943–966
Trauma, Krisenintervention und Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Johnson, C., Shala, M., Sejdijaj, X., Odell, R. & Dabishevci, K. (2001).
Thought Field Therapy (TFT) in Kosovo – frühe Feldstudie
Eine der ersten dokumentierten Anwendungen von Klopfverfahren bei traumatisierten Überlebenden des Kosovo-Krieges. Die Studie zeigte deutliche Verbesserungen der Traumasymptomatik und gilt als Meilenstein für den Einsatz von Klopfverfahren in humanitären Krisengebieten.
Church, D. (2009):
The Treatment of Combat Trauma in Veterans Using Emotional Freedom Techniques (EFT): A Pilot Protocol.
Eine der ersten Studien zur Behandlung traumatisierter Kriegsveteranen mit EFT.
Church, D., Hawk, C., Brooks, A. J., Toukolehto, O., Wren, M., Dinter, I. & Stein, P. (2013): Psychological Trauma Symptom Improvement in Veterans Using Emotional Freedom Techniques (EFT): A Randomized Controlled Trial.
Randomisierte kontrollierte Studie, die eine deutliche Reduktion der PTBS-Symptomatik bei Veteranen zeigte.
Church, D., Stern, S., Boath, E., Stewart, A. & Feinstein, D. (2017):
Emotional Freedom Techniques to Treat Posttraumatic Stress Disorder in Veterans: Review of the Evidence, Survey of Practitioners, and Proposed Clinical Guidelines.
Übersichtsarbeit mit klinischen Empfehlungen zum Einsatz von EFT bei PTBS.
Trauma Tapping Technique (TTT)
Hamne, G. & Sandström, U. (2015)
: Resolving Yesterday – First Aid for Stress and Trauma with Trauma Tapping Technique (TTT).
Das frei zugängliche Handbuch beschreibt TTT als niedrigschwellige Form der emotionalen Ersten Hilfe. Es dokumentiert die Entwicklung des Verfahrens in internationalen Hilfsprojekten und vermittelt eine leicht erlernbare Methode zur Stabilisierung nach belastenden und traumatischen Ereignissen.
Hamne, G. & Sandström, U. (2021):
Trauma Tapping Technique – A Tool for PTSD, Stress Relief and Emotional Trauma Recovery.
Das Buch fasst die Erfahrungen aus mehr als einem Jahrzehnt humanitärer Arbeit in zahlreichen Krisenregionen zusammen. Es verbindet praktische Anleitungen mit neurobiologischen Erklärungsansätzen und zeigt, wie TTT in Schulen, Flüchtlingslagern, nach Naturkatastrophen und in psychosozialen Hilfsprojekten eingesetzt wird.
Besonders beeindruckt mich an TTT, dass die Methode von Beginn an nicht primär für den therapeutischen Behandlungsraum entwickelt wurde, sondern für Menschen, die nach Krieg, Flucht, Gewalt oder Naturkatastrophen oft keinen Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung haben. TTT versteht sich als Form psychosozialer Erster Hilfe, die einfach zu erlernen, kulturübergreifend anwendbar und ohne aufwendige Infrastruktur einsetzbar ist. Damit steht sie in einer Tradition, die Selbstwirksamkeit stärkt und Wissen bewusst teilt – eine Haltung, die mich auch an Gary Craigs ursprünglicher Idee von EFT besonders überzeugt.
Essstörungen, emotionales Essen und Adipositas
Stapleton, P., Sheldon, T. & Porter, B. (2012):
Clinical Benefits of Emotional Freedom Techniques on Food Cravings at 12-Month Follow-Up: A Randomized Controlled Trial.
Stapleton, P., Sheldon, T., Porter, B. & Whitty, J. (2016): A Comparison of Emotional Freedom Techniques and Cognitive Behavioural Therapy in the Treatment of Food Cravings.
Stapleton, P. et al. (2017): Secondary Psychological Outcomes in a Controlled Trial of Emotional Freedom Techniques and Cognitive Behavioural Therapy in the Treatment of Food Cravings.
Untersuchung der Auswirkungen auf Angst- und Depressionssymptome.
Die folgende Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll interessierten Leserinnen und Lesern einen Einstieg in die wissenschaftliche Literatur zur Energetischen Psychologie ermöglichen.
Östliche Traditionen und westliche Wissenschaft – zwei Welten im Dialog
Die Energetische Psychologie verbindet Erfahrungswissen aus jahrtausendealten östlichen Heiltraditionen mit Erkenntnissen moderner Psychotherapie und Neurowissenschaften.
Viele Menschen interessieren sich dabei vor allem für eine praktische Frage: Hilft es?
Gleichzeitig wächst auch das wissenschaftliche Interesse daran, die beobachteten Wirkungen besser zu verstehen und einzuordnen.
Vor diesem Hintergrund werden Verfahren der Energetischen Psychologie in der Fachliteratur unter anderem als Bifokale Multisensorische Aktivierung (BMSA) oder Bifokale Multisensorische Interventionstechniken (BMSI) beschrieben. Im Mittelpunkt stehen dabei weniger Annahmen über eine Lebensenergie als vielmehr die Frage, welche neuropsychologischen und psychophysiologischen Prozesse durch die gleichzeitige Aktivierung von Körper, Emotion, Aufmerksamkeit und Erinnerung angestoßen werden.
Aus dieser Perspektive lassen sich viele der beobachteten Wirkungen als Ausdruck komplexer Selbstorganisations- und Regulationsprozesse verstehen. Dazu gehören unter anderem neuronale Plastizität, die Rekonsolidierung emotionaler Erinnerungen sowie neurohumorale Regulationsprozesse. Aus psychotherapeutischer Perspektive verbinden energetische Verfahren Elemente der Meridianlehre – wie sie auch der Akupunktur zugrunde liegt – mit Konzepten aus der Hypnotherapie, dem NLP, der Humanistischen Psychologie sowie verhaltenstherapeutischen Elementen wie der Exposition.
Unterschiedliche Erklärungsmodelle müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Während traditionelle Systeme von Qi, Prana oder Ki sprechen, beschreiben moderne Neurowissenschaften Regulationsprozesse des Nervensystems, neuronale Netzwerke und Prozesse der Selbstorganisation.
Mich interessiert dabei weniger, ob und wie sich die Energetische Psychologie aus einer akademisch-naturwissenschaftlichen Perspektive begründen lässt. Mich bewegt vielmehr die Frage, wie unterschiedliche Erkenntnistraditionen miteinander ins Gespräch kommen können, ohne dass eine die andere vereinnahmt. Denn jede von ihnen ist aus dem Versuch entstanden, sich dem anzunähern, was wir „Wirklichkeit“ nennen – wenn auch in einer anderen Sprache.
Vielleicht handelt es sich dabei weniger um konkurrierende als um unterschiedliche Sprachen, mit denen wir versuchen, ähnliche Phänomene zu beschreiben und zu verstehen – und um unterschiedliche Metaphern, mit denen wir uns ein Bild von dem machen, was wir „Wirklichkeit“ nennen.
Welche dieser Beschreibungsweisen der Wirklichkeit letztlich am nächsten kommt, wissen wir heute nicht. Entscheidend erscheint mir vielmehr, dass der Dialog zwischen unterschiedlichen Traditionen und wissenschaftlichen Disziplinen dazu beiträgt, Heilungsprozesse immer besser zu verstehen – und Menschen wirksamer begleiten zu können.
Energie – ein Begriff zwischen Naturwissenschaft und Erfahrung
Der Begriff Energie weckt bis heute unterschiedliche Assoziationen. Während er in der Physik präzise definiert ist, wird er in der Psychologie und Medizin häufig auch als Metapher für Lebendigkeit, Dynamik und innere Regulationsprozesse verwendet.
Seit Albert Einstein mit seiner Formel E = mc² zeigte, dass Masse und Energie physikalisch eng miteinander verbunden sind, wissen wir, dass Materie und Energie unterschiedliche Erscheinungsformen derselben physikalischen Wirklichkeit darstellen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die in der Energetischen Psychologie verwendeten Konzepte eines menschlichen „Energiesystems“ bereits naturwissenschaftlich nachgewiesen wären.
Genau an dieser Stelle beginnt ein spannendes Forschungsfeld. Während traditionelle Medizinsysteme wie die Chinesische Medizin oder Ayurveda seit Jahrtausenden mit Vorstellungen von Qi, Prana oder Ki arbeiten, erklären moderne Ansätze die beobachteten Wirkungen energetischer Verfahren zunehmend über neurophysiologische und psychobiologische Prozesse – etwa über die Regulation des autonomen Nervensystems, die Rekonsolidierung emotionaler Erinnerungen oder Veränderungen in neuronalen Netzwerken.
Für mich müssen sich diese Sichtweisen nicht gegenseitig ausschließen. Sie beschreiben möglicherweise unterschiedliche Ebenen derselben Wirklichkeit. Welche Erklärung sich langfristig als die zutreffendste erweisen wird, möchte ich bewusst offenlassen.
Entscheidend ist für mich letztlich weniger die verwendete Sprache als die Frage, ob ein Verfahren Menschen dabei unterstützt, wieder mehr innere Balance, Selbstwirksamkeit und Verbundenheit zu erleben.
Eine offene Frage – und eine offene Haltung
In dem Übersichtsartikel "Distant Healing by the Supposed Vital Energy – Scientific Bases" wählen die Autoren (Marcelo Saad, Roberta de Medeiros) bewusst den Begriff „supposed vital energy“ – also angenommene oder hypothetische Lebensenergie.
Sie gehen weder von einem bereits bewiesenen Phänomen aus, noch verwerfen sie dessen Möglichkeit vorschnell. Vielmehr fragen sie, ob und wie sich die beobachteten Wirkungen solcher Verfahren wissenschaftlich untersuchen und erklären lassen.
Dabei betonen sie ausdrücklich, dass bislang kein allgemein anerkanntes naturwissenschaftliches Modell existiert, das eine solche Lebensenergie erklären könnte. Verschiedene theoretische Ansätze wurden vorgeschlagen – etwa Biofeld-Hypothesen, elektromagnetische Modelle oder informationsbasierte Konzepte –, doch keine dieser Erklärungen gilt derzeit als abschließend bestätigt.
Besonders bemerkenswert finde ich, dass die Autoren den Begriff „Energie“ selbst kritisch hinterfragen. Sie weisen darauf hin, dass möglicherweise nicht Energie im physikalischen Sinn übertragen wird, sondern eher Information, Kommunikation oder Prozesse biologischer Selbstorganisation beschrieben werden. Anstatt vorschnell eine einzige Erklärung zu bevorzugen, plädieren sie dafür, unterschiedliche theoretische Modelle weiter zu erforschen.
Diese erkenntnistheoretische Offenheit entspricht auch meiner eigenen Haltung.
Unterschiedliche Sprachen – unterschiedliche Bilder
Menschen haben seit Jahrtausenden Erfahrungen beschrieben, die wir heute mit unterschiedlichen Begriffen zu verstehen versuchen. Ob wir von Qi, Prana, Bioinformation, neuronaler Selbstorganisation oder energeia sprechen – es handelt sich um unterschiedliche Modelle, mit denen wir dieselben oder ähnliche Phänomene zu beschreiben versuchen.
Ich halte keines davon für eine endgültige Wahrheit, sondern für verschiedene Sprachen, die sich einer Wirklichkeit annähern, die komplexer ist als jedes einzelne Erklärungsmodell.
Metaphern als Werkzeuge der Erkenntnis
Metaphern sind keine bloßen sprachlichen Bilder. Sie sind Werkzeuge des Verstehens und des Bildens von Wirklichkeiten. Sie eröffnen Zugänge, schaffen Bedeutung und lassen Zusammenhänge sichtbar werden, die sich einer rein begrifflichen Beschreibung oft entziehen.
Mich interessiert deshalb weniger die Frage, welche Metapher „Recht hat“. Mich interessiert vielmehr, welche Metaphern uns helfen, dem Lebendigen gerechter zu werden.
Vielleicht besteht Weisheit nicht in der Sicherheit, die eine richtige Landkarte gefunden zu haben, sondern in der Bereitschaft, verschiedene Landkarten nebeneinander zu legen – im Wissen, dass jede einen anderen Ausschnitt der Wirklichkeit sichtbar macht und keine das Ganze erfassen kann.
The map is not the territory. – Alfred Korzybski, später von Gregory Bateson vielfach aufgegriffen
Neurowissenschaftliche Erklärungsansätze
Der Psychiater Dr. Joaquin Andrade entwickelte gemeinsam mit Dr. Marten Aalberse und Christine Sutherland das Konzept der Bifokalen Multisensorischen Aktivierung (BMSA), das als theoretische Grundlage vieler Klopfmethoden gilt. Ihr Anliegen war es, die Wirkungsweise dieser Verfahren aus einer westlich-neurowissenschaftlichen Perspektive nachvollziehbar zu beschreiben und damit zu einer Entmystifizierung energetischer Ansätze beizutragen.
Dabei stellt Andrade die westlich-wissenschaftliche Sichtweise jedoch ausdrücklich nicht über die östlich-energetische. Vielmehr versteht er beide als unterschiedliche Erklärungsmodelle, die jeweils innerhalb ihres kulturellen und wissenschaftlichen Kontextes entstanden sind und sich einer eigenen Sprache und Metaphorik bedienen.
Es geht daher weniger um ein Entweder–Oder oder Richtig–Falsch, sondern um verschiedene Perspektiven auf dieselben menschlichen Erfahrungen.
Nach Andrade sind die sogenannten Klopfpunkte Hautareale mit einer hohen Dichte spezialisierter Mechanorezeptoren. Über komplexe neuronale Verschaltungen stehen sie mit Hirnregionen in Verbindung, die an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind – unter anderem mit Strukturen des limbischen Systems sowie dem präfrontalen Cortex.
Bei starker emotionaler Belastung oder während der Aktivierung traumatischer Erinnerungen sind sprachliches Denken, Selbstreflexion und bewusste Handlungssteuerung häufig eingeschränkt, während uralte, automatisch ablaufende Überlebensreaktionen in den Vordergrund treten. Durch die gezielte sensorische Stimulation – etwa mittels Klopfen, Augenbewegungen, Summen oder Zählen – kann sich die Aktivität dieser neuronalen Netzwerke verändern. Studien mit bildgebenden Verfahren weisen darauf hin, dass dabei emotionale Erregung abnehmen und gleichzeitig die Aktivität präfrontaler Hirnareale zunehmen kann.
Ein weiterer zentraler Mechanismus betrifft die sogenannte Rekonsolidierung von Erinnerungen. Werden belastende Erinnerungen bewusst aktiviert, gelangen sie für kurze Zeit in einen veränderbaren Zustand. Erfolgt während dieses Zeitfensters eine regulierende sensorische Stimulation, können die bisherigen Verknüpfungen zwischen Erinnerung und automatischer Stressreaktion abgeschwächt und neue emotionale Erfahrungen integriert werden.
Die Erinnerung selbst bleibt erhalten – sie verliert jedoch häufig einen Teil ihrer emotionalen Intensität und ihrer belastenden Wirkung. Dadurch entsteht Raum für neue neuronale Verknüpfungen, veränderte Bewertungen und hilfreichere Überzeugungen.
Aus der Perspektive der akademischen Psychologie brachte Christof T. Eschenröder diesen Wirkansatz im Psychotherapeutenjournal (2/2014) prägnant auf folgende Formel:
Energetische Psychotherapie = Exposition + multiple sensorische Stimulation + kognitive Umstrukturierung
Diese Erklärungsansätze bieten ein überzeugendes neurowissenschaftliches Modell für viele beobachtete Wirkungen der Energetischen Psychologie.
Zugleich bleiben Fragen offen.
So wird beispielsweise berichtet, dass Verfahren wie EFT auch bei Tieren hilfreich sein können oder dass manche Anwenderinnen und Anwender positive Erfahrungen mit sogenanntem Proxy Tapping – dem stellvertretenden Klopfen für einen anderen Menschen oder ein Tier – machen, auch in deren Abwesenheit.
Für solche Beobachtungen gibt es bislang keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Erklärung.
Sie laden dazu ein, mit Neugier weiterzuforschen, ohne vorschnelle Schlussfolgerungen zu ziehen.
Je mehr wir verstehen, desto deutlicher erkennen wir, wie viel es noch zu entdecken gibt.
Vielleicht ist das keine Grenze unseres Wissens, sondern seine größte Schönheit.
Denn jede wissenschaftliche Erkenntnis öffnet zugleich die Tür zu neuen Fragen.
Und jedes ungelöste Rätsel erinnert uns daran, wie erstaunlich das Leben ist.
Es ist schön, dass es Geheimnisse gibt. Sie nähren unsere Neugier, bewahren unser Staunen und schenken uns die Demut, weiterzufragen.
„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.
Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und wahrer Wissenschaft steht.“ Albert Einstein, Mein Weltbild, engl. The World As I See It
„There are more things in Heaven and Earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy. “ William Shakespeare, Hamlet