Dauer

Manchmal werde ich gefragt, warum meine Sitzungen nicht 50-60 Minuten dauern, wie bei Sitzungen von Coachings und Therapien üblich?

Hier die Erklärung:

In meiner Arbeit ist es mir wichtig, dass Menschen eine Sitzung mit dem Gefühl verlassen, heute wirklich etwas Wesentliches bewegt oder gelöst zu haben – und dass sich der Moment des Auseinandergehens intuitiv stimmig anfühlt.
Auch für mich selbst ist dieser Punkt meist deutlich spürbar: wenn sich der Prozess für diesen Moment rund anfühlt, wenn das Nervensystem zur Ruhe kommt und die innere Arbeit für heute gewissermaßen abgeschlossen ist.

Mit der Zeit fiel mir auf, dass dieser Moment erstaunlich häufig nach etwa 90 bis 120 Minuten eintritt. Deshalb wollte ich mich nicht durch die üblichen zeitlichen Vorgaben begrenzen lassen – und begann, mich mit diesem wiederkehrenden Zeitphänomen zu beschäftigen.

Wie Wellen im Meer
 folgt auch unser Nervensystem seinem eigenen Rhythmus.

Ich stellte mir die spannende Frage: Folgt unser Organismus vielleicht einem natürlichen inneren Rhythmus, der solche Momente der Neuordnung begünstigt? 
Meine Neugier führte mich zu einem faszinierenden Konzept aus der Chronobiologie: dem ultradianen Rhythmus – jenem natürlichen Wechsel von Aktivität und Erholung, der unseren Organismus durch den Tag begleitet.

In diesem inneren Rhythmus kann sich manchmal auch das zeigen, was als ultradiane Heilreaktion beschrieben wird: ein Moment, in dem sich Körper und Nervensystem neu ordnen, regulieren und wieder in Balance finden.

Die ultradiane Heilreaktion beschreibt einen natürlichen Moment der Selbstregulation:
 Wenn wir innehalten und dem Rhythmus unseres Organismus folgen, kann sich das Nervensystem neu ausbalancieren.

Mehr lesen: Ultradianer Rhythmus

Wie Atem oder Meereswellen folgt auch unsere Aufmerksamkeit einem natürlichen Rhythmus.
Die Chronobiologie beschreibt diese etwa 90-minütigen Zyklen von Aktivität und Erholung als ultradiane Rhythmen.

Unser Organismus arbeitet nicht in einer gleichmäßigen Linie, sondern in Wellen von Aktivität und Erholung. Etwa alle 90 bis 120 Minuten durchlaufen Gehirn und Nervensystem einen natürlichen Zyklus: Phasen konzentrierter Wachheit wechseln sich mit Momenten ab, in denen der Körper nach kurzer Regeneration verlangt.

Die Chronobiologie bezeichnet diese wiederkehrenden Zyklen als ultradiane Rhythmen. Sie prägen viele grundlegende Prozesse unseres Lebens – Aufmerksamkeit, Energie, Stressregulation und Erholung.

Wenn wir diese inneren Wellen wahrnehmen und respektieren, entsteht ein natürlicher Wechsel von Anspannung und Loslassen, von Sammlung und neuer Offenheit. In diesem Rhythmus kann sich das Nervensystem immer wieder neu ausbalancieren.

So erinnert uns der ultradiane Rhythmus daran, dass auch unsere Leistungsfähigkeit und unser inneres Gleichgewicht nicht aus dauerhafter Anstrengung entstehen – sondern aus dem lebendigen Zusammenspiel von Aktivität und Pause.

Mehr lesen: Die ultradiane Heilreaktion

Die ultradiane Heilreaktion bezeichnet einen natürlichen Moment, in dem Körper und Nervensystem spontan in einen Zustand innerer Neuorganisation und Regeneration übergehen.

Der Begriff „ultradiane Heilreaktion“ stammt aus der Arbeit des Psychologen, Psychoanalytikers und Psychotherapeuten Ernest Lawrence Rossi, einem engen Mitarbeiter von Milton H. Erickson. Rossi verband Erkenntnisse aus Chronobiologie, Hypnotherapie und Psychophysiologie und beschrieb dabei einen besonderen Aspekt der ultradianen Rhythmen.

Im Verlauf eines ultradianen Zyklus (etwa alle 90–120 Minuten) kommt es häufig zu einem Punkt, an dem der Organismus signalisiert:


Jetzt wäre eine Pause, ein inneres Sammeln oder ein Innehalten hilfreich.

Typische Zeichen können sein:
ein spontanes Gähnen oder tiefes Durchatmen, Schwere oder Müdigkeit in den Augen, ein kurzer Wunsch, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten
das Bedürfnis nach Stille, Bewegung oder einem kurzen Spaziergang.

Nach Rossi sind diese Momente Einladungen des Organismus zur Selbstregulation. Wenn wir ihnen Raum geben – etwa durch kurze Ruhe, bewusstes Atmen oder Bewegung – kann sich das Nervensystem neu ausbalancieren und Stress abbauen.

Gerade Bewegung in der Natur, ruhiges Gehen oder achtsames Wahrnehmen können solche Prozesse unterstützen. Der Organismus bekommt dabei Gelegenheit, zwischen Aktivierung und Entspannung zu pendeln – ein Grundprinzip gesunder Selbstregulation.

In diesem Sinne beschreibt die ultradiane Heilreaktion einen biologisch verankerten Selbstheilungsimpuls:
 Der Körper nutzt kurze Phasen des Rückzugs, um Erfahrungen zu verarbeiten, Energie zu erneuern und innere Ordnung wiederherzustellen.